OrangeTheWorld2015

By 10. Dezember 2015Allgemein

Als ich den Aufruf zur Blogparade „OrangeTheWorld2015“ las, fühlte ich mich sofort angesprochen. Es geht hierbei um eine Kampagne „16 Tage zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen“.

Nun hat Gewalt viele Gesichter, aber die sexuelle Gewalt gegen Frauen ist, was mir persönlich unter den Nägeln brennt. Jedoch möchte ich nicht darüber eine intellektuelle Abhandlung schreiben.

Ich möchte ein Zeichen setzen und dazu gibt es nur einen Weg. Er kostet Mut… aber nun gut. Ich hoffe, dass meine Geschichte anderen Betroffenen Mut macht.

Ich kenne sexuelle Gewalt und ihr schmieriges, ekelhaftes, stinkendes Gesicht und vielleicht kennst auch du es – deshalb will ich dich nicht mit Details quälen. Und Menschen, die sich an solchen Beschriebungen aufgeilen, will ich hier nicht befriedigen.

Sexuelle Gewalt hinterlässt Spuren in der Psyche, je nachdem, wann sie statt fand, wie oft, in welchem Zeitraum und durch wen, können diese Spuren so tief sein, dass die Psyche zersplittert. Dann entstehen mehrere Persönlichkeiten und wir haben es mit der DIS – Dissoziativen Identitätsstörung zu tun. Leider ist diese Persönlichkeitsstörung nicht so selten, wie die meisten Menschen annehmen. aber es gibt auch andere, nicht so tiefe Spuren. Bei manchen siehst du sie an der Oberfläche nicht. Sie sind gut verdeckt. Vielleicht ist der Schmerz so tief vergraben, dass ihn niemand sieht und du ihn sogar vor dir selbst versteckst..
..und dennoch gibt es Hinweise. Diese können bei Erwachsenen Überlebenden sexueller Gewalt vielfältig sein: Depressionen, psychosomatische Störungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Bindungs-und Beziehungsstörungen, Probleme im Beruf, Selbstwertprobleme… und viele, viele weitere.

Oftmals sind die Erinnerungen fragmentiert oder bewusst nicht zugänglich oder sie kommen erst später im Leben hoch.

Als ich in der Pubertät war, war es ein Nachbar und später ein Freund und ich hab es nniemandem gesagt. Warum nicht? Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das Recht gehabt hätte. Später, Anfang zwanzig, kamen die ersten Erinnerungen an noch früher und sie erwischten mich kalt. Sie schlugen auf mich ein und drängten mir ihre Übelkeit auf. Ich wusste nicht mehr wer ich war, ob ich lebte oder tot war. Ich wusste nicht, ob stimmte, woran ich mich zu erinnern meinte. Mißbrauch in meiner Kindheit – ausserhalb meines Elternhauses. Manches war so fruchtbar und mein Körper verband es mit einem Schmerz und einem Taubheitsgefühl und einer Schwäche meiner Beine. Der Körper – er erinnerte sich, auch wenn es für mich nur Bruchstücke waren, fand das Grauen körperlichen Ausdruck.

Ich machte eine Therapie und irgendwann ging es mir gut – so dachte ich. Ich hatte Erfolg in meinem Job, ich konnte Sex haben. Somit dachte ich, alles ok. In vielen Büchern  steht nur, dass Überlebende Schwierigkeiten mit Sex haben. Das schien nicht zuzutreffen, also alles in Ordnung? Um mich herum heirateten Menschen, bekamen Kinder, hatten ein zu Hause. Meine Beziehungen waren chaotisch und hielten nicht lange. Nach verschiedenen Therapieansätzen wurde mir klar: Ich suche mir natürlich Männer aus, die selbst Probleme haben sich einzulassen, weil ich Angst hatte, dass sie ansonsten sehen würden wie kapputt ich war. Das war mein Glaubenssatz, wenn ich jemanden nah genug an mich ran lasse, sieht er, wie kaputt ich bin und so etwas Kaputtes kann man nicht lieben.

Ich hatte liebe Menschen, denen nicht egal war, wie es mir ging. Ich machte Selbsthypnose, ging zur Traumatherapie, zu guten Kollegen. Und tatsächlich half mir auch ein Buch:

Was mir immer wieder half, war der Gedanke, dass ich keinem Täter die Genugtuung geben möchte, mich am Boden zu sehen. Also hab ich gekämpft. Immer wieder, für alles. Dennoch kann das Leben ja nicht nur aus Kampf bestehen. Und irgendwann war meinem Körper auch der Kampf zu viel und mein Herz machte schlapp. Welche Ironie – ausgerechnet das Herz.

Und dann wurde mir klar, woran es noch fehlte.

Selbstliebe

Wenn ich mich selbst lieben würde, wüsste ich, dass es nichts mit mir zu tun hat, was mir passiert ist.

Es macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen, ich habe es nicht verdient, ich habe ein Recht darüber zu sprechen, es gibt keinen Grund mich zu schämen oder mich schmutzig zu fühlen.

Heilung geschieht, wenn du dich selbst lieben kannst!

Heute sehe ich, dass meine chaotischen Beziehungen mir nur gezeigt haben, was in mir war. Aber, dass viele das als Makel sehen, macht es nicht leichter. Ich bin 40, unverheiratet, single, keine Kinder. Es gab Menschen, die fragten mich, warum ich nie verheiratet war und ich wußte nicht, was ich Ihnen antworten sollte. Und wenn ich dachte, weil mich niemand gefragt hat, tat ich mir nur selbst weh.

Noch habe ich keine glückliche Beziehung – aber ich bin auf dem Weg zu der wichtigsten Beziehung der Welt. Meiner Beziehung zu mir, und die wird immer glücklicher.

Ich habe mir selbst verziehen, dass ich zugelassen habe, was mir geschah, weil ich nun weiß, ich hätte es nicht verhindern können.

Ich schäme mich nicht mehr für das, was mir geschah, weil ich weiß, dass jedes Kind unschuldig und rein ist.

Ich bin stolz auf mich, dass ich immer weitergemacht habe.

Ich fühle mich nicht mehr kaputt oder beschmutzt.

Stattdessen weiß ich, dass ich wertvoll bin und liebenswert. Ja, ich verdiene es geliebt zu werden. Und am allermeisten verdiene ich es von mir selbst geliebt zu werden – genauso wie ich bin – mit meiner Geschichte. Und das verdienst du auch!

 

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